Unterwegs vegan oder das Motto avap

Jeder, der vegan werden will, steht früher oder später vor dem Problem „was mache ich unterwegs, wenn es keine vegane Alternative gibt?“.
Während man sich zu Hause – zumindest als Alleinlebender – relativ leicht vegan ernähren kann, sieht das schon anders aus, wenn man mit Freunden oder Bekannten oder gar Geschäftspartnern essen geht.
Zwar ist das Wort „vegan“ mittlerweile für die meisten Leute kein Fremdwort mehr und die meisten Servicekräfte und Köche in Restaurants dürften was damit anzufangen wissen. Allein an der Umsetzung hapert es noch. Beziehungsweise am entsprechenden Angebot.

Die meisten Restaurants bieten inzwischen zumindest vegetarische Gerichte an, nach veganen Alternativen auf der Speisekarte sucht man aber leider in der Regel vergeblich.
Ja – und nun?

Spätestens jetzt wird klar, dass es DEN Veganer bzw. DIE Veganerin nicht gibt. Da gibt es welche, die von vornherein ablehnen, in ein Restaurant zu gehen, das keine vegane Alternative anbietet.
Andere fangen an, mit der Bedienung zu diskutieren, bis sie geklärt haben, ob der Essig im Salatdressing vegan ist oder nicht.
Es gibt andere, die gleich ganz das Handtuch werfen und dann eben bei dieser Gelegenheit ein Kalbsschnitzel oder Rinderfilet essen.

Ich will das nicht werten, nicht, dass mich jetzt jemand falsch versteht. Jeder entscheidet für sich selbst und jeder entscheidet bei jeder Mahlzeit aufs Neue, was er macht.

Und es wird immer Leute geben, die mit dem Finger auf denjenigen zeigen und sagen „Du bist dann aber kein richtiger Veganer“. Solche Leute gibt es immer und überall, es sind Besser-„Wisser“, aber keine Besser-„Macher“.

Ich behaupte mal, den 100%-Veganer gibt es sowieso nicht. Oder was macht der Radfahrer, der aus Versehen unterwegs eine Fliege verschluckt?
Oder der, der mit einem Bio-Apfel irgendein winziges Insekt mitisst? Oder der, der ein angeblich veganes Gericht isst, bei deren Herstellung aber doch eine tierische Zutat verwendet wurde. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an das Pferdefleisch in Fertiggerichten, das ja auch nicht deklariert war.
Und dürften sich dann die Greenpeace-Aktivisten Umweltschützer nennen, wenn sie mit Autos oder einem Motorschiff zu einem Einsatz fahren? Auch ein Umweltschützer schützt nicht zu 100% die Umwelt. Niemand ist irgendwas zu 100%.
(In diesem Zusammenhang frage ich mich auch, was ein angeblich 100%-Veganer macht, wenn sein vegan ernährter Hund Flöhe hat? Werden diese dann geduldet oder einzeln an die frische Luft gesetzt?)

Wenn ich sage, ich lebe vegan, dann nicht, um in eine Schublade zu passen und auch nicht um 100%ig richtig zu leben. Sondern um mit wenigen Worten (mit einem Wort) zu erklären, was ich essen mag und was nicht.

Aber ich fürchte, ich schweife ein wenig ab…

Immer wieder werde ich gefragt, was ich denn eigentlich mache, wenn ich nun mit anderen essen gehe (oder privat eingeladen werde) und es keine vegane Alternative gibt oder die einzige vegane Alternative ein grüner Salat mit Öl ist?
Nichts gegen grünen Salat mit Öl, aber im Winter möchte ich schon gerne was Warmes essen und vor allem auch satt werden.

Ich für mich habe mich für das Motto avap entschieden. Die meisten Leser kennen vermutlich die Abkürzung „asap“ (as soon as possible) aus dem Berufsleben. Und avap steht bei mir für „as vegan as possible“, nicht für „Arbeitgeberverband ambulanter Pflegedienste“. Deshalb schreibe ich es auch klein. 😉

Was im Endeffekt bedeutet, dass ich mir auf der Speisekarte dasjenige Gericht aussuche, was die wenigsten tierischen Zutaten beinhaltet, wobei ich trotzdem einigermaßen satt werde.
Was ich esse, muss mindestens vegetarisch sein, Fleisch kriege ich tatsächlich nicht mehr runter. Wobei Käsespätzle in der Regel auch wegfallen (ehrlich gesagt, selbst in meiner vegetarischen Zeit war es mir oft zu viel Käse, der dort hineingepackt wurde).
Das eine oder andere Gericht kann man mit einer kleinen Nachfrage (Pizza ohne Käse, Salat mit Essig-Öl-Dressing statt Joghurtdressing) vegan oder fast vegan erhalten.
Und wenn es wirklich ganz schwierig wird, schaue ich mir die Beilagen zu den Fleischgerichten näher an und bestelle dann eben einen „Beilagen-Teller“.
Wobei man in manchen eigentlich fleischlastigen Restaurants auch schon mal Glück haben kann und gerät an einen Koch, der aus dem Handgelenk eine wunderbare bunte Gemüseplatte mit Kartoffeln herzaubert. Nach einer veganen Alternative zu fragen, ist also immer gut, schon allein um zu zeigen, dass Nachfrage besteht.

Weiß man schon Tage vorher, in welchem Restaurant man essen geht, kann man auch vorab schon mal mit den Leuten dort Kontakt aufnehmen und um eine Alternative bitten. Das ist die stressfreieste Variante für alle Beteiligten.

Bei privaten Einladungen bei jemandem zu Hause ist die Auswahl in der Regel geringer. Manchmal biete ich an, z. B. einen veganen Kuchen mitzubringen. Ansonsten esse ich dort, was mir am wenigsten widerstrebt. Das klingt jetzt etwas merkwürdig, gebe ich zu. Aber wenn auf dem Kaffeetisch eine Sahnetorte und ein einfacher Apfelkuchen stehen, lasse ich mir lieber den Apfelkuchen geben (wobei ich sowieso nicht so der Sahnetorten-Fan bin, ganz am Rande bemerkt). Und auch wenn der nicht vegan ist, lasse ich ihn mir trotzdem schmecken. Ja, ich höre die kleine Stimme im Hinterkopf schon, aber ich weiß, dass ich mich auch nicht besser fühlen würde, würde ich mich jetzt weigern, was zu essen.
Ich mag meinen Gastgeber, der sich vielleicht bemüht hat und extra für mich veganen Brotaufstrich besorgt hat, nicht vor den Kopf stoßen und mich weigern, das Brötchen darunter zu essen, weil er beim Bäcker nicht nachgefragt hat, ob es vegan ist oder nicht.

Auch wenn ich mit dem Motto avap kein 99- oder 100-Prozent-Veganer bin, erreiche ich mit dieser Haltung aber vielleicht mehr als andere, die es genau nehmen. Denn dadurch, dass ich in Gesellschaft mitessen kann, ohne dass die anderen 2 Stunden aufs Essen warten müssen, weil ich solange gebraucht habe, um der Bedienung zu verklickern, was ich will, bleibt alles locker.
Und gebe dadurch ein besseres Vorbild ab für andere, es doch auch mal vegan zu probieren als wenn ich auf den 100 Prozent bestünde.

Wenn man sich etwas umhört, sind es doch vor allem die übergenauen Veganer, die für den Ruf verantwortlich sind, dass alle Veganer missionieren wollen und diskutieren wollen und einem jeden Spaß vermiesen wollen.
So macht man sich keine Freunde und schafft keine Nachahmer.
Wer aber zeigt, dass vegan leben weder Stress noch Verzicht bedeuten, sondern Spaß machen kann und gleichzeitig das Gewissen entlastet, wird eher Leute finden, die bereit sind, mitzumachen.

Wie immer ist das aber nur meine persönliche Meinung und Einstellung.

Da ich gerne bei anderen veganen Blogs mitlese, weiß ich aber, dass andere ähnlich denken. Hier sind zum Beispiel zwei Blogbeiträge, die in eine ähnliche Richtung gehen:
http://aberbittemitsojamilch.wordpress.com/2012/03/27/wie-vegan-bist-du/
http://achtungpflanzenfresser.wordpress.com/2012/09/02/wie-theoretisch-ist-veganismus/

Für mich ist die Haltung „daheim immer vegan – unterwegs avap“ diejenige, mit der ich gut zurechtkomme. Wobei: Je mehr Leute vegan werden, umso größer wird auch das Angebot werden und dann wird es noch einfacher.

Bei twoodledrum bin ich außerdem auf einen Kommentar von Sören gestoßen mit folgendem Link: http://www.peta2.de/web/dos_und_donts_beim.1351.html. Eine nett aufgemachte Anleitung, wie man sich als Veganer beim Essengehen verhalten kann. Interessant dabei fand ich auch den Link zu http://www.happycow.net, da kann man veggiefreundliche Restaurants finden (bei Browse the World z. B. Europe anklicken und weiter auf Germany oder Austria oder Switzerland…)

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9 Kommentare zu “Unterwegs vegan oder das Motto avap

  1. Bin gerade unterwegs (Urlaub) das erstemal, seitdem ich vegan esse (ja, ich esse vegan, aber ich lebe nicht vegan). Schon nach ein paar Tagen war klar … es ist schon schwierig, mich unterwegs überhaupt vegetarisch zu ernähren, geschweige denn vegan. Ich habe aber a) überhaupt keine Lust, sauertöpfisch in meinem Urlaub in jedem Restaurant rumzudiskutieren und missmutig am Salatblatt zu kauen und b) noch weniger Lust darauf mich unterwegs in meinen jUrlaub nur aus dem Rucksack zu verköstigen. Deshalb war die Entscheidung für mich auch sehr einfach: Totes Tier: nein (das geht schon sehr lange nicht mehr, da kann ich gar keine Abstriche mehr machen) … Lebensmittel vom lebenden Tier … ok.
    Damit kann ich gut klarkommen. Und beim Einkaufen und Kochen bin ich ja wieder selbstbestimmt.

  2. Da ich nur sehr selten auswärts esse, ergibt sich diese Problematik eben auch sehr selten. In der Familie handhabe ich es auch so, dass ich z.B. veganen Kuchen mitbringe und zum Grillabend entsprechendes Grillgut für mich (und die anderen, die es probieren möchten, natürlich!). Beim letzten Betriebsausflug wurde nach dem aktiven Teil zum Abschluss auch gegrillt. Da einer meiner Chefs (Vegetarier) für sich und mich veganes Essen bestellt hatte, musste ich nichts mitnehmen. Unter vegan verstand der Koch des Hotels warmen Brokkoli, Kartoffeln und Möhren. Natürlich habe ich das ohne Murren verschlungen, ich hatte nicht nur Hunger sondern esse Gemüse ja auch gerne. Am Montag darauf aber äußerte auch mein Chef sein Befremden darüber, dass ein Hotelkoch heute nicht in der Lage ist, etwas für den Grill zu zusammen zu stellen (Gemüsespieße sind ja nun wirklich nicht schwierig). Als ich mich mit einer Bloggerin zu einem Spaziergang und einem abschließenden Kaffee traf, hatte ich veganen Milchweißer dabei, habe aber auch ein Stück Kuchen gegessen das nicht vegan war. Ich glaube Du warst es, die damals schrieb, Dir wäre ein 90%iger Veganer lieber, als ein 100%iger, der bald wieder aufgibt (Deine Zahlen sind mir nicht mehr in Erinnerung, aber sinngemäß war das wohl Deine Aussage). Dieser Satz von Dir hat mir damals sehr in meiner Entscheidung geholfen. Ich würde in Zukunft wieder so handeln. Eben avap!
    Liebe Grüße von Elvira

  3. Nicht dass jetzt hier der Eindruck entsteht, bei mir gäbe es ständig Ausnahmen. Ich gehe äußerst selten essen und bin auch sonst eher der zurückgezogene Typ. Und wenn ich essen gehe, versuche ich – wie im Beitrag geschrieben – etwas zu finden, das vegan ist (also z. B. die Pizza ohne Käse). Aber ich frage da nicht extra nach, ob der Pizzateig wirklich ohne Ei und Milch hergestellt wurde (wird er ja in der Regel) oder ob der Essig im Salatdressing vegan war und ob das Baguette, das zum Salat gereicht wird, ohne Milch gebacken wurde (das wissen die im Restaurant meistens gar nicht, da sie vom Bäcker beliefert wurden).
    Ich meide Wein im Restaurant, weil ich nicht weiß, ob er vegan ist, aber ich hinterfrage nicht den Kleber auf dem Wasserflaschenetikett. Und auch nicht, ob das Spülmittel, mit dem die Teller gespült wurden, vegan war.
    Man kann alles ins Extrem treiben, je extremer man wird, umso kleiner ist aber der Gewinn. Ich habe festgestellt, wenn ich bei alldem noch einigermaßen locker bleibe, kommen eher Leute auf mich zu und fragen interessiert, wie ich das umsetze und was ich mir daheim koche oder wie man Eier oder Quark ersetzen kann. Je sturer ich mich in einem Restaurant oder sonstwo unterwegs verhalte, umso eher erfahre ich Ablehnung von anderen. Und damit erreiche ich doch nicht, dass andere es auch mal vegan probieren.
    Ich weiß, dass es Leute gibt, die das anders sehen, vieles hängt ja auch vom Umfeld ab, wo man wohnt und mit welchen Leuten man zu tun hat.

  4. Hallo, habe deine tollen Rezepte gefunden und lese gerade quer durch den Blog.
    Ich lebe seit 4 Jahren vegan. Ich glaube auch nicht an 100% veganes Leben, aber versuche mich sehr danach zu richten. D.h, dass ich im Zweifel dann auch mal lieber nix esse, wenn zB klar ist, dass der Kuchen mit Butter oder Ei ist.
    Dann trinke ich einen schwarzen Kaffee und bin einfach so nett&gesellig wie sonst mit Kuchen. Ich erwarte auch nicht, dass sich andere mir anpassen ind habe fast immer Kuchen etc für alle dabei;-)
    Meine Grenze in Restaurants ist zB, dass ich nicht wissen kann, ob Essig etc wirklich vegan ist. Ich esse also Gerichte, bei denen man davon ausgehen kann, die Zutaten zu kennen- generell frage ich beim Bestellen auch noch nach, manches wird ja gerne noch mit Butter o.ä verfeinert, ohne, dass es ersichtlich ist.
    Ich glaube, es macht auch viel aus, WIE man mitisst oder auch nicht.
    Wenn ich irgendwas nicht esse, mache ich davon kein Aufheben( also nicht „nein, da ist ja das und das drin, das esse ich nicht!“), bin fröhlich, lobe den Gastgeber etc– eben nicht sauertöpfisch, vorwurfsvoll oder bedeutungsvoll demonstrativ sein.
    Meist fällt es gar nicht auf. Ich will ja nicht, dass sich irgendjemand wegen mit schlecht fühlt. Gerade heutzutage, wo so viele Menschen auch alle möglichen Nahrungsmittelallergien/unverträglichkeiten haben, bin ich sogar eher pflegeleicht;-) (O-Ton Freundin: „Du bist am einfachsten zu bekochen! Da muss ich mir nie Gedanken machen!“).

    Lg und noch mal ein Kompliment für den schönen Blog

    • Ja, ich denke auch, dass es wichtig ist, welche Stimmung man rüberbringt. Und ich hoffe ja immer noch, dass das vegane Angebot insgesamt mit der Zeit größer wird und auch die Kennzeichnung, welche Lebensmittel/Speisen/Produkte vegan sind. Falls vegan wirklich ein Trend ist und nicht nur eine kurzfristige Modeerscheinung, bestehen ja gute Aussichten.

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