Das stille Leiden der Kuscheltiere

Meerschweinchen im Tierheim Darmstadt

Meerschweinchen im Tierheim Darmstadt

Fast alle Eltern werden wohl früher oder später mit dem Wunsch ihres Kindes (ihrer Kinder) konfrontiert, das ein Haustier haben möchte.
Ich war als Kind nicht anders und schließlich zogen ein Meerschweinchen und ein Zwergkaninchen bei uns ein. Da wir in einem Haus mit Garten wohnten, durften die beiden in einem großen Gehege draußen leben, aus dem sie jedoch regelmäßig ausbrachen und schließlich mehr oder weniger frei im Garten herumliefen.
Nachts wurden sie zu ihrer eigenen Sicherheit in einen Hühnerstall eingesperrt.
Heute weiß ich, dass es besser gewesen wäre, entweder zwei Meerschweinchen oder zwei Kaninchen zusammen zu setzen, dennoch glaube ich, dass die beiden es bei uns recht gut hatten.

Ich bin auch überzeugt davon, dass gerade der frühe Kontakt mit Tieren dafür sorgt, dass jemand auch später noch tierlieb ist. Insofern ist es eigentlich zu begrüßen, wenn Kinder mit Tieren aufwachsen.

Wie sieht es aber in den meisten Haushalten aus? Oft wird ein Haustier angeschafft, um dem Kind eine Freude zu machen und damit die Quengeleien aufhören.
Wie Kinder so sind, finden sie die Tiere zwar toll, aber die Pflichten drumherum werden gern vernachlässigt. Und wenn die Kinder älter werden, kommen andere Interessen dazu und es ist nicht mehr genug Zeit für das Tier übrig. Eltern müssen also wissen, dass sie letztendlich in der Verantwortung stehen und sollten sich selbst auch gern um das Tier kümmern wollen.

Während Hunde und Katzen (zumindest sofern sie Freigangmöglichkeit haben) recht gut artgerecht gehalten werden können, muss man sich bei allen anderen Tieren ein bißchen anstrengen.
Die meisten Menschen sind der irrtümlichen Meinung, es wäre genau anders herum, bedenken dabei nicht, dass es eben nicht reicht, nur Futter hinzustellen und den Käfig einmal in der Woche sauberzumachen. Und während Hund und Katze ihre Wünsche auch schon mal lautstark verkünden, leiden viel der sogenannten Kleintiere still vor sich hin.

Kaninchen "Marie"

Kaninchen „Marie“ aus dem Tierheim hat inzwischen ein neues Zuhause gefunden

Die meisten Käfige, die im Handel sind, sind viel zu klein. Mal ganz abgesehen davon, dass ein Käfig ein Käfig ist, also ein Gefängnis. Anders als Hund oder Freigängerkatzen haben Käfigtiere keine Möglichkeit, frei zu laufen. Das heißt, sie sind vollkommen vom Menschen abhängig.
Und deshalb sieht die traurige Wirklichkeit doch meistens so aus, dass die Tiere fast nie aus ihrem Käfig rauskommen, zwar Futter und Wasser bekommen, aber ist das Leben?

Vögel wollen fliegen können, die meisten von ihnen schätzen die Gesellschaft von Artgenossen. Auch alle anderen Haustiere wie Kaninchen, Meerschweinchen, Chinchillas und was sonst noch alles im Handel angeboten wird, wollen sich bewegen und ihren Instinkten nachgehen.

Vor kurzem war ich zu Besuch bei meiner alten Tante im Pflegeheim. Dort steht jetzt ein Käfig mit zwei Wellensittichen im Aufenthaltsraum. Für die alten Leute ist es sicherlich nett, wenn sie noch ein wenig Kontakt zu Tieren haben können (wobei Kontakt hier eher das falsche Wort ist).
Aber denkt auch mal jemand an die Bedürfnisse der zwei armen Vögel?

In meiner Nachbarschaft wurde letzten Sommer auf dem Balkon ein Hasenstall aufgebaut. Die beiden Kaninchen, die bis dahin in der Wohnung gehalten wurden, saßen jetzt tagein, tagaus in diesem Stall auf dem Balkon. Sicherlich ging es ihnen damit noch besser als Artgenossen, die in einem winzigen Käfig innerhalb der Wohnung gehalten werden.
Aber sich mal richtig ausrennen und Haken schlagen konnten sie dort auch nicht (Ok, ich weiß nicht ganz sicher, ob sie nicht auch einmal am Tag in die Wohnung geholt wurden, damit sie laufen können – ich vermute aber eher nicht).

Diese Tiere werden alle versorgt, sie werden gefüttert, ihre Unterkunft wird saubergemacht, aber ein gutes Leben sieht anders aus.

Und wieviele landen im Tierheim, wenn die ersten Monate voller Begeisterung vorbei sind und keiner in der Familie mehr Lust hat, sich um die Tiere zu kümmern.
Manchen geht es im Tierheim sogar besser als vorher.

Liebe Leser(innen), falls Sie vorhaben, ein Kaninchen, Meerschweinchen, Degu oder irgendein anderes Tier heimzuholen: Bitte versetzen Sie sich gedanklich in die Lage des Tieres und überlegen Sie, wie ein fröhliches, artgerechtes Zuhause aussehen sollte. Informieren Sie sich vorher über die Bedürfnisse. Kaufen oder bauen Sie Käfige lieber eine Nummer zu groß als zu klein.
Und bedenken Sie, dass Sie die Verantwortung für das Tier (je nach Art) mehrere Jahre tragen. Statt Züchter zu unterstützen, schauen Sie im örtlichen Tierheim, ob dort ein oder mehrere Tiere für Sie in Frage kommen. Und helfen Sie so mit, die Welt ein kleines bißchen besser zu machen. Zumindest für die Lebewesen, die Sie heimholen.

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4 Kommentare zu “Das stille Leiden der Kuscheltiere

  1. Mit dem Kauf eines Tieres übernimmt jeder Verantwortung für dessen Leben. Auch in ein Aquarium sollte man nicht wahllos Fische setzen, weil sie einem gut gefallen. Vor jedem Kauf sollte man sich gründlich über den Lebensraum und die artgerechte Haltung informieren. Einen Schwarmfisch alleine zu halten ist genauso verkehrt wie ein Becken der leichteren Pflege wegen mit Kunststoffpflanzen zu bestücken (doch, das machen manche Menschen). Mein jüngerer Sohn hatte den großen Wunsch nach einem Terrarium. Sein Lieblingstier war der Grüne Leguan. Dieses wunderschöne Tier hätten wir aber nicht artgerecht halten können. Also ließen wir ein Terrarium für Rotkehlanolis bauen. Diese zu beobachten war sehr interessant. Natürlich ließ im Laufe der Jahre die Leidenschaft nach. Als der Bestand größer wurde (die Tiere vermehrten sich natürlich auch) gaben wir das Terrarium an einen Schulzoo ab. Der Leiter dieser Anlage war begeisterter Terrarianer. Die Tiere wurden in mehrere große Terrarien verteilt und hatten dort ein gutes Leben. Das ist mir nämlich auch sehr wichtig: Wenn es sich herausstellt, dass der Kauf eines Tieres, aus welchen Gründen auch immer, verkehrt war, dann sollte jeder dafür Sorge tragen, diese Tier wenigstens im Tierheim abzugeben und ihm somit die Chance auf ein neues Zuhause zu geben. Bitte setzt Tiere nicht einfach aus!
    Du siehst, dieses Thema liegt mir auch sehr am Herzen. Danke für diesen Beitrag!
    Liebe Grüße von Elvira

    • Ja, wir bekommen im Tierheim auch so einiges zu Gesicht. Angefangen von im Wald ausgesetzten Tieren über Babykatzen, die in Mülltonnen gefunden worden bis hin zu Hunden, die einfach über den Zaun des Tierheims geworfen wurden. Was ist da dabei, ein Tier dann wenigstens einem Mitarbeiter des Tierheims in die Hand zu drücken?

  2. Danke für diesen liebevollen und klugen Beitrag. Ich hatte damals in den 80er-/90er-Jahren als Kind/Teenager auch mehrfach Kaninchen und Meerschweinchen in Zweierhaltung zusammen – das war damals irgendwie üblich. Warum eigentlich??? Irgendwie wuchs ich so auf, dass das so gehört, und kein Mensch in einer Zoohandlung hätte einen damals von dem Unfug abhalten wollen 😦 Wie ist das eigtl. heute, wenn ich in eine Zoohandlung gehe und erkläre, dass ich ein Kaninchen und ein Meerschwein als Lebensgemeinschaft 😦 zusammensetzen möchte – sagt da einer was? Würd mich ja mal interessieren, muss ich mal ausprobieren – und falls die nix sagen, gebe ich ihnen ein paar Flyer zu artgerechter „Kleintier“-Haltung für den Kassentresen 🙂 Oder?

    Ich war vor einiger Zeit aus beruflichen Gründen in einem Tierheim und da haben die eine Führung gemacht, bei der ich bei den Kaninchen- und Meerschweinchen-Freihgehegen dachte: Bitte werdet NIE vermittelt – so schön und gut wie hier werdet ihrs nie wieder haben – krass, oder? 😦

    Ach Mensch – es gibt doch eh schon so viel konsumbedingtes Tierleid – könnte mans nicht inzwischen wenigstens als ersten kleinen Schritt bei den Haustieren besser machen?

    • In einer Zoohandlung kommt’s wahrscheinlich immer darauf an, an wen man gerade gerät. Ich war schon ewig in keiner mehr. Mir tun die Tiere dort fast noch mehr leid als im Tierheim, weil sie 1. in ganz kleinen Käfigen untergebracht sind und 2. jeder Hinz und Kunz sich ein Tier kaufen kann, ohne dass er unbedingt ein vernünftiges Gespräch führen muss. Im Tierheim bekommt nicht jeder ein Tier, obwohl man natürlich nicht in jeden Menschen hineinsehen kann.
      Tja, Tierleid ist überall, egal ob bei „Nutz“-Tieren (ich hasse diesen Ausdruck), bei Haustieren oder Tieren in freier Natur. 😦

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